10 Jahre Ramtai – Programm

Singen ist in Lettland eine zutiefst verankerte und sehr lebendige Tradition: Als Lettland sich zusammen mit dem übrigen Baltikum 1991 von der Sowjetunion abspaltete und seine Unabhängigkeit wiedererlangte, wurde dieser Prozess nicht umsonst „Die singende Revolution“ genannt. In der lettischen Gesangstradition ging und geht es nicht um vordergründige politische oder Kampflieder, sondern um eine kulturelle Selbstvergewisserung in einem Land, das im Laufe seiner Geschichte lange Zeit fremd dominiert wurde: Das Liedgut fußt auf uralten überlieferten Volksliedern und wird kombiniert mit spätromantischen, später auch Pop- und Rockmusik-Einflüssen.

Alle fünf Jahre findet in der lettischen Hauptstadt Riga das große Sänger- und Tanzfestival statt, das 2008 in die UNESCO-Liste für immaterielles Kulturerbe aufgenommen wurde. Chöre und Tanzgruppen aus ganz Lettland sowie exillettische Ensembles bewerben sich um die Teilnahme, für die sie sich in Vorausscheidungen qualifizieren müssen. Beim großen Abschlusskonzert singen schließlich etwa 16.000 Menschen auf der großen Bühne gemeinsam für das Publikum vor Ort – und geschätzt die halbe Nation vor dem Fernseher.

Information zu den Stücken des Jubiläumskonzerts

O crux ave (Komponist: Rihards Dubra)
Passend zur vorösterlichen Zeit singen wir dieses Werk von Rihards Dubra:
O crux ave, spes unica! Hoc passionis tempore auge piis justitiam reisque dona veniam.
Sei gegrüßt, o Kreuz, du einzigartige Hoffnung! Zu dieser Zeit des Leidens mehre den Heiligen die Gnade, vergib den Sündern ihre Schuld.
(Übersetzung: http://www.gregorien.info)

Sēļi nāk (Komponist: Valts Pūce/ Text: Inese Zandere)
Sēļi nāk (wörtlich: Die Selier kommen) stammt aus dem Repertoire des Sängerfests 2023. Zum Einzug des großen, 16.000(!)-Stimmen-starken Chores auf der Bühne werden Lieder aus den jeweiligen Landesteilen gesungen. Die Region Sēlija liegt am Unterlauf der Düna, des großen Flusses, der auch durch die Hauptstadt Riga fließt. Ähnlich wie am Niederrhein fließt die Düna breit und majestätisch durch die Ebene – und das fängt dieses Lied wunderbar ein.

Bēdu manu lielu bēdu (Komponist: Valters Kaminskis)
Bēdu manu lielu bēdu ist ein sehr beliebtes, munteres kleines Lied, dessen griffiger Refrain „Ramtai“ Namensgeber unseres Chores ist. Das Lied beschreibt die Lebensfreude in jeder Alltagssituation – besonders beim Musizieren.

Rāmi, rāmi es dziedāju (Komponist: Mārtiņš Aldiņš)
Rāmi, rāmi ist ein ruhiges Lied, das die Vorzüge eines gelassenen Lebens beschreibt.

Es meitiņa kā rozīte (Komponist: Tālivaldis Ķeniņš)
Das Volkslied Es meitiņa kā rozīte ist ein Frauenlied, in dem Frauen und Mädchen selbstbewusst ihre Schönheit und Anmut besingen.

Apkal manu kumeliņu (Komponist: Juris Vaivods/ Text: Rūdolfs Blaumanis)
In Apkal manu kumeliņu erleben wir eine erfolgreiche Brautwerbung, bei der der junge Mann geschmeidig zwischen Prahlerei und dem perfekten Schwiegersohn in spe wechselt, der gekonnt die künftige Schwiegermutter umschmeichelt.

Orgel: Aglona (Komponist: Romualds Jermaks)
Das beinah sphärische Aglona (1983) ist eine Hommage an die Heimat von Romualds Jermaks: das katholisch geprägte Latgale in Ostlettland mit dem Wallfahrtsort Aglona. Dort befindet sich die Basilika Mariä Himmelfahrt, deren enorme religiöse Strahlkraft sich in diesem Orgelstück widerspiegelt.

Sit kociņu pie kociņa (Komponist: Andris Kontauts)
Sit kociņu pie kociņa ist ein sehr pulsierendes Volkslied und fängt die Stimmung und Energie eines Abends am gemeinsamen Lagerfeuer ein: „Schlage Hölzchen auf Hölzchen“, damit die Sonne endlich untergeht und wir mit dem Tanzen beginnen können!

Mēness skaita savas zvaigznes (Komponist: Raimunds Tiguls/ Text niedergeschrieben von Vaira Vīķe-Freiberga)
Mēness skaita savas zvaigznes basiert auf traditionellen lettischen Dainas, kurzen Volksliedern oder -gedichten, die meist nur wenige Zeilen lang sind. Dainas boten den Letten in Jahrhunderten der Fremdherrschaft eine wichtige Möglichkeit der (mündlichen) Überlieferung lettischer Mythen und nationaler Kultur und dienten damit auch der eigenen Selbstvergewisserung. Heute bilden sie die Grundlage der baltischen Sängerfeste.
In diesem Stück begegnen wir vorchristlichen Motiven der lettischen Mythologie: dem Mond(gott), der seine Sterne zählt, dem Donnergott Pērkons, der zur Hochzeit der Sonnentochter erscheint, wo er in eine goldene Eiche einschlägt, und die Sonne darüber drei Jahre lang weint.

Es gulu gulu (Komponist: Ārijs Šķepasts)
In diesem Lied geht es um einen traurigen Abschied, bei dem ein junger Mann seine zurückbleibende Geliebte ins Ungewisse verlässt.

Orgel: Rīga dimd (Komponist: Romualds Jermaks)
Variationen zum gleichnamigen lettischen Volkslied.
Riga dröhnt, Riga tönt! Woher kommt dieses Getöse, von dem die Stadt widerhallt? Drei „Arten von Brüdern“ fertigen einer jungen Frau eine Aussteuertruhe an: Der Bruder ihres Vaters schmiedet die Truhe, der Bruder ihrer Mutter fertigt den Schlüssel dazu und ihr eigener Bruder gießt dafür einen Deckel aus Gold!
Das Lied hat sogar einen Wikipedia-Eintrag!

Seši mazi bundzinieki (Komponist: Ēriks Ešenvalds)
Seši mazi bundzinieki (Sechs kleine Trommler) ist formal eine Volksliedbearbeitung: Sechs Trommler kommen stolz zu Pferd ins Dorf geritten und freien ein junges Mädchen. Dessen Mutter fragt allerdings empört nach, wo denn der goldene Ring am Finger herkomme…

Krustiem zvaigznes debesīs (Komponist: Ēriks Ešenvalds)
Krustiem zvaigznes debesis nimmt uns erneut mit auf eine Reise geprägt von Motiven der lettischen Mythologie: Wir treffen auf Sonne, Mondlicht und Sterne; und Göttersöhne und Sonnentöchter, die sich über dem Fluss Düna friedlich die Hände reichen.
Wer könnte schon alle Lieder singen, die es gibt?
Wer könnte jemals alle Sprachen sprechen, die es gibt?
Wer könnte wohl alle Sterne am Himmel zählen?

Wer könnte jeden Kieselstein im Meer zählen?

Augšup dzīvība skan (Komponistin: Lolita Ritmanis/ Text: Rasa Bugavičute-Pēce)
Mit Augšup dzīvība skan (in etwa: „Das Leben strebt aufwärts“) der lettisch-amerikanischen Komponistin Lolita Ritmanis wagen wir den Sprung nach Hollywood. Denn wenn Frau Ritmanis keine Lieder für das Sängerfest komponiert, schreibt sie u. a. die Musik vieler aktueller Superhelden-Animationsfilme. Das Lied war ein Auftragswerk für das Sängerfest 2023 und Namensgeber des großen Abschlusskonzerts.

Wenn Ihnen das Konzert gefällt, freuen wir uns über eine finanzielle Unterstützung!

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